Rede Bernd Feierabend

Rede unseres Mitgliedes des erweiterten Vorstands Bernd Feierabend zum Thema:„Starke Gymnasien für helle Köpfe – Sind wir auf dem Weg zum Abitur light?“,gehalten am 20.10.2018 auf der Herbsttagung des Verbandes der Elternräte der Gymnasien in Niedersachsen e.V. (VdeG), im Viktoria-Luise-Gymnasium in Hameln. Ursprünglich war in der Einladung eine Rede unseres Vorsitzenden Dr. Hartwig Jeschke angekündigt, der bedauerlicherweise aus persönlichen Gründen kurzfristig absagen musste.

Es gilt das gesprochene Wort

Liebe Eltern, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Gäste und Freunde unseres Verbandes, im Namen des Vorstandes und insbesondere unseres Vorstandsvorsitzenden Herrn Dr. Hartwig Jeschke, begrüße ich Sie sehr herzlich zu unserer diesjährigen Herbsttagung im märchenhaften Hameln.

Mein Thema „Starke Gymnasien für helle Köpfe – Sind wir auf dem Weg zum Abitur light?“beschäftigt unseren Verband eigentlich schon immer. Darum lassen Sie mich kurz, anlässlich unseres Jubiläums, mit einigen Highlights, auf die erfolgreiche Geschichte unseres Verbandes eingehen.

Die Anfänge entstanden auf Initiative engagierter Eltern. Die Elternräte der höheren Schulen, so nannte sich das damals, kamen, zunächst in losen Abständen, in Hannover zusammen. Aus diesen Zusammenkünften entstand schließlich 1948 der Gesamtverband der Elternräte der höheren Schulen Niedersachsens.

Der Verband der Elternräte der Gymnasien Niedersachsens blickt also heute auf sein 70 jähriges Bestehen zurück.

Und unser Verband hat sich immer für die Schülerinnen und Schüler und die Beteiligung der Eltern eingesetzt. In den Sechzigern kämpfte unser Verband gegen den Mangel an ausgebildeten Gymnasiallehrern, so wie heute. In den Siebzigern stellte sich der Verband kritisch gegen die Einführung der Orientierungsstufe und behielt Recht damit.

Und 1975 rief der Vorsitzende des Verbandes, Wolfgang Haacke, zu einem landesweiten Protest gegen dramatischen Unterrichtsausfall auf. Viele Schüler nahmen an diesem Tag der Schulenthaltung teil. Sogar die New York Times berichtete davon!

Auch die Gründung des Landeselternrates begleitete unser Verband. Der stellvertretende Vorsitzende Karl Husmann arbeitete maßgeblich am Elternvertretungsgesetz mit und blieb, auf Wunsch des Kultusministeriums, sieben Jahre lang erster Vorsitzender des Landeselternrates.

Ich könnte noch ewig so weitermachen. Ich will aber abkürzen und ins Jahr 2013 springen. Gemeinsam mit dem Philologenverband haben wir uns für das G9 ausgesprochen. Gleichzeitig haben wir aber auch immer die Erhaltung einer G8-Option thematisiert.

Es gibt viele Programme an Gymnasien für helle Köpfe, etwa Physik für helle Köpfe oder helle Köpfe in der Informatik, G8 Vorbereitungskurse, den Robo-Cup und so weiter, jedes Gymnasium hat da seine spezielle Ausrichtung gefunden.

Alle diese hellen Köpfe, unsere Kinder, haben eine Lernumgebung und eine Schule verdient, die ihren Bedürfnissen entspricht, die es ihnen ermöglicht ihre vielfältigen Talente einzubringen, ohne ausgebremst zu werden.

Dürfen die Gymnasien heute noch diese Schule für unsere hellen Köpfe sein?

Brauchen unsere Kinder kein vielfältiges und tiefgehendes Wissensangebot, wollen sie keine Herausforderungen, sondern ist das einzige Ziel ein möglichst leichtes Weiterkommen? Kann ein Abitur light überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sein? Ein entwertetes Abitur das nur formal die Studierfähigkeit bescheinigt, aber nicht auf das Studium vorbereitet und damit zu hohen Abbrecherquoten führt.

Was sind denn eigentlich helle Köpfe? Es sind Schülerinnen und Schüler, die bereit sind sich anzustrengen und durchzuhalten, die neugierig und wissbegierig sind, die das Forschende in sich spüren, unsere Kinder.

Es gibt für viele unterschiedliche Bereiche auch verschiedene Begabte. Daher haben verschiedene Schulformen nichts Ausschließendes, sondern etwas Schützendes und Verbindendes. Ein guter Handwerksmeister, auf den jeder von uns angewiesen ist, braucht keine Studierfähigkeit nachweisen, um anerkannt zu sein.

Wenn wir aber auch gute Autorinnen, Lehrer, Physikerinnen, Ökonomen und Historikerinnen wollen, die unser Niedersachsen voranbringen, dann gibt es zu gymnasialer Bildung keine Alternative.

Wir brauchen leistungshungrige Spitzenschülerinnen und Spitzenschüler für zukünftige Eliten. Damit meine ich nicht Geldeliten, Adel oder gar Old Etonians mit Schulkrawatte, sondern Wissenseliten die in der Lage sind ein Studium selbstständig abzuschließen.

Diese hellen Köpfe brauchen ein Land das sie ideologiefrei fördert! Das sie vor unerprobten Bildungsexperimenten schützt und ihnen ihre sich gegenseitig fördernde Gemeinschaft belässt.

Und natürlich brauchen sie uns Eltern, die sie in ihrem Wollen unterstützen und die ihnen Vorbilder sind.

Damit sich diese hellen Köpfe, unsere Kinder, entfalten können, brauchen sie Lernstoff, Lernzeit und auch Experimentierzeit! Sie brauchen geistige Nahrung! Grundlage für alle Lernprozesse sind Inhalte und eine solide Wissensvermittlung. Ohne konkretes Wissen kann es jedenfalls keine Bildung geben. Die alleinige Ausrichtung des Unterrichts auf einen sog. Kompetenzerwerb reicht da nicht. Kompetent ist nur, wer weiß wovon er redet.

Und Pädagogen sollten darüber nachdenken dürfen, wie man den Kindern Schwieriges erfolgreich beibringen kann. Statt dem Numerus Clausus Druck aus weniger erfolgreichen Bundesländern nachgeben zu müssen und schwierige Inhalte abzuschaffen.

Wird der Wissensdurst unserer hellen Köpfe gestillt, wird Deutschland in der Ingenieurskunst weiter führend bleiben, wenn der Stundenanteil naturwissenschaftlicher Fächer – der MINT- Fächer – hinter das frühere G9 zurückfällt? Mehr Lernzeit mit MINT-Light?

Kommen unsere Kinder in einer Zeit der immer stärker globalisierten Welt, eines immer enger zusammenwachsenden Europas, eines intensiveren wirtschaftlichen Austausches mit unseren guten Nachbarn, ohne eine zweite Fremdsprache besser zurecht?

Sprechprüfungen sind hier ohne Zweifel richtig und wichtig. Wenn der hohe Anteil von Sprechprüfungen aber schriftliche Leistungskontrollen verdrängt, hilft dies wirklich?

Ist eine Kürzung der Zahl der Klausuren in der Oberstufe der richtige Weg, um auf das Studium vorzubereiten?

Im Studium sind Präsentationen nicht wegzudenken. Aber ist der Ersatz einer Klausur durch eine Präsentationsprüfung, die zwei Wochen zu Hause ohne Kontrollmöglichkeit vorbereitet werden kann, wirklich eine Prüfung der eigenen Reife?

Sie merken schon, ich habe hauptsächlich Fragen gestellt. Fragen, die sich auch das Land stellen sollte. Unser Verband hat nach intensivem Abwägen seine Antworten gefunden, um ein Abitur light zu verhindern und fordert daher seit längerem:

  • –  Das die Kürzungen in den MINT-Fächern, im Vergleich zum früheren G9, wieder zurückgenommen werden.
  • –  Das in der Einführungsphase eine zweite Fremdsprache für alle Schüler wieder verbindlich gemacht und die Entscheidung nicht an den Schulvorstand delegiert wird.
  • –  Das in der Oberstufe die Kürzung der Zahl der Klausuren sowie die Einführung einer Präsentationsprüfung zurückgenommen werden.
  • –  Und ganz allgemein: Gymnasien nicht zu bekämpfen, sondern zu fördern, damit helle Köpfe einen Ort finden, an dem sie kreativ und leistungsbereit sein dürfen.Das könnte das Schlusswort gewesen sein, ich muss sie aber enttäuschen. Nicht nur Verbesserungen bei Stundentafel und Prüfungsstrukturen verhindern ein Gymnasium light, auch faktisch, bei Unterrichtsversorgung, Personalausstattung, Vorgaben und Innovationskraft sollen Gymnasien stark bleiben. Nein, Entschuldigung, die Gymnasien sollen wieder stärker werden.

    Wenn sich das Land ernsthaft innovativ mit der Digitalisierung der Schulen befassen will, dann sollten die Schulträger unterstützt werden, damit die erforderliche IT-Ausstattung der Schulen nicht am Geld scheitert. Das Land sollte sicherstellen, dass jede Schule – unabhängig von der pädagogischen Betreuung – einen professionellen technischen Betreuer der Medien erhält. Und das Land sollte für eine umfassende Lehrerfortbildung sorgen, aber auch den erheblich höheren Zeitaufwand für digital aufbereitete Unterrichtseinheiten berücksichtigen.

    Die Digitalisierung ist ein Zukunftsthema, die Inklusion leider auch – immer noch, denn sie wurde übereilt und ohne hinreichende räumliche und personelle Ausstattungen eingeführt. Nicht wenige Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf erhalten bei einem inklusiven Unterricht nicht die für sie unerlässliche spezifische Unterstützung und Förderung – ein alarmierender Zustand – wie ich finde.

    Vorrangig ist das Kindeswohl, so verlangt es die UN-Konvention. Eine inklusive Beschulung darf deshalb nicht hinter die Unterstützung an Förderschulen zurückfallen, so verlangt es das OVG Lüneburg.

Die Behindertenrechtskonvention fordert auch keine Abschaffung des gegliederten Schulsystems oder der Förderschulen, sondern eine Teilhabe am Bildungssystem.

Alle Kinder sollen Teilhaben, alle Kinder brauchen eine stärkenorientierte Förderung und Begleitung und nicht nur die Hochbegabten und nicht nur die Kinder mit Förderbedarf. Wenn wir die große Mitte vergessen, machen wir einen großen Fehler!

Und wir Eltern müssen uns die Frage stellen, ist das Gymnasium der beste Weg für mein Kind, ist es nicht überfordert, fühlt es sich wohl – fühlt es sich wohl! insbesondere dann, wenn das Abitur nicht angestrebt wird.

Orientierung bot hier die schriftliche Schullaufbahnempfehlung, die konnte nicht einfach ignoriert werden. Unser Verband hält sie weiter für sinnvoll.

Bildungsgerechtigkeit und damit auch Inklusion kann es erst geben, wenn die Voraussetzungen, räumlich und vor allem personell, vorher – vorher – dafür geschaffen wurden.

Personelle Voraussetzungen in guter Qualität können natürlich nur langfristig geschaffen werden. Wir Eltern wissen, dass dazu eine Legislaturperiode nicht ausreicht. Deshalb richten wir von dieser Stelle aus einen Apell ans Wissenschaftsministerium, mehr Studienplätze bereitzustellen, damit nicht, wie jetzt geschehen, Grundschullehramtsbewerber abgewiesen werden müssen.

Neben einer vorausschauenden Personalplanung müssen allerdings jetzt kurzfristige Maßnahmen eine gute Unterrichtsversorgung sicherstellen. Denn eine schlechte Unterrichtsversorgung verführt dazu Unterrichtsstandards zu senken. Sachsen denkt bereits über ein Abitur light nach.

Der Quereinstieg ist jetzt eine notwendige Maßnahme, darf aber nur temporär sein. Wir alle wissen doch, dass der Lernerfolg von Lehrerinnen und Lehrern abhängt, die begeistern können. Wir wollen gut ausgebildete Pädagogen und auch pädagogisch gut weitergebildete Quereinsteiger, die fachlich top sind und die vor allem Interesse an unseren Kindern zeigen.

Leider sehen wir aber in der Praxis, dass motivierte gute Pädagogen durch immer wieder neue Verordnungen und schlechte Rahmenbedingungen an den Schulen seit Jahren ausgebremst werden. Lehrerinnen und Lehrer möchten dem einzelnen Kind gerecht werden. Doch statt individueller Förderung und dem Fordern von Schülerinnen und Schülern, stehen sie täglich vor der Frage: Wo und wen unterrichte ich heute und: Kann ich diese Klassenarbeit wirklich zumuten, bei so viel fehlendem Unterricht?

Unser Verband fordert schon seit langem eine Unterrichtsversorgung von 105 %, damit für Krankheitsausfälle, Klassenfahrten, Abiturprüfungen, Seminare und Elternzeit eine ausreichende, fachbezogene Vertretungsreserve gebildet werden kann.

Da die Unterrichtsversorgung aber derzeit weit darunter liegt, kommt es an den Gymnasien, die weiter im großen Stil abordnen müssen, bei ihrem hohen Pflichtunterrichtsanteil, zwangsläufig zu Pflichtunterrichtsausfall. Das ist keine Lappalie, da unsere hellen Köpfe die Lernzeit und die individuelle Betreuung durch die Lehrkraft brauchen. In den zentralen Abiturprüfungen, aber auch in ganz normalen Klassenarbeiten, wird auf Ausfallstunden keine Rücksicht genommen.

Es scheint fast, Pflichtunterricht ist aus der Mode gekommen. Werden Mathe und Deutsch vielleicht überbewertet? Denn es gibt Schulen die sich über Ganztagsausfall beklagen, aber gleichzeitig Abordnungen von Gymnasien erhalten, bei denen dann Deutsch, Mathe und Englisch ausfallen.

Deshalb ist es unerlässlich, die Berechnung der Unterrichtsversorgung in Bezug auf den Pflichtunterrichtsanteil gerecht anzupassen, damit es nicht zu einem Unterricht light kommt.

Aber es müsste noch mehr passieren, um die Unterrichtsversorgung zu stabilisieren: Was ist zu tun, damit Lehrerinnen und Lehrer nicht erschöpft vor unseren Kindern stehen und die Quote der vorzeitigen Pensionen nicht doppelt so hoch ist wie die Quote der regulären Pensionen? Was ist zu tun, damit Lehrerinnen und Lehrer Lust haben im schönen Hameln zu unterrichten und nicht in andere Bundesländer abwandern? Wie können unsere Abiturienten motiviert werden das Lehramtsstudium aufzunehmen?

Mit diesen, zugegeben, vielen unterschiedlichen Aspekten bin ich auch schon bei dem Aufgabenkreis – dem Verantwortungsbereich – angelangt, für den das Kultusministerium kurzfristige und langfristige Lösungen anbieten sollte.

Wie kann das Gymnasium der Zukunft stark gemacht werden, wie kann es der Lernort für helle Köpfe bleiben, wie können die Traditionen des Gymnasiums weitergeführt werden, damit es kein Leichtgewicht wird?

Unsere Verbandsvertreterinnen und -vertreter hatten bisher immer gute und informative Gespräche mit unserem neuen Kultusminister und wir haben bisher den Eindruck gewonnen, dass unsere Anliegen nachvollzogen werden können und ernst genommen werden.

Aber ich will hier nicht vorgreifen, lassen sie ihre hellen Köpfe von den Ideen und Maßnahmen, die das Kultusministerium zur Lösung der vielen Probleme anbietet, inspirieren und vielleicht formulieren sie schon mal gedanklich die eine oder andere Nachfrage.

Sehr geehrter Herr Kultusminister Grant Hendrik Tonne, ich bin wahnsinnig gespannt auf Ihre Ausführungen!

2018-11-06T08:10:53+00:006. November 2018|Jahrestagung 2018|