Rede des Vorsitzenden Dr. Oliver Gossel

Begrüßung

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Huxhold, so sehr wir uns freuen, dass Sie hier heute über das modere G9 berichten werden, so sehr sind wir enttäuscht, dass Frau Ministerin Heiligenstadt ihre Teilnahme sehr kurzfristig abgesagt hat. Bereits im Januar hatten wir den Termin unserer heutigen Tagung nach den Wünschen der Ministerin abgestimmt. Und nun müssen wir verwundert zu Kenntnis nehmen, dass die Ministerin just heute keine 50 km von hier entfernt auf einer anderen Tagung vor Elternvertretern referiert. Jeder mag daraus seine Schlüsse ziehen …

Seit der letzten Herbsttagung liegen 12 ereignisreiche Monate hinter uns. Die Wiedereinführung des Abiturs nach 13 Schuljahren wurde im verabschiedeten Schulgesetz angegangen. Dafür gebührt der Landesregierung unser Dank. Doch leider können wir dieses Schulgesetz nicht in seiner Gesamtheit als positiv bewerten. Wir kritisieren deutlich, dass die kommunalen Schulträger nicht mehr verpflichtet sind Gymnasien zu führen. In der Umsetzung kann vielmehr auf lokaler Ebene entschieden werden, auf diese Schulform zu verzichten. Wie unsere gemeinsam mit Elternvertretern der Förderschulen sowie dem Philologenverband durchgeführte Petition – eine von über 40 – mit 33.000 Unterschriften zeigte, wird dieser Angriff auf das bewährte Schulsystem von weiten Teilen der Niedersachsen nicht mitgetragen. Keine Sternstunde der Demokratie und Bürgerbeteiligung war es, wie innerhalb weniger Minuten diese vielen Stimmen aus dem Land vom Tisch gewischt wurden. An dieser Stelle gebührt mein Dank den vielen Eltern, Schülern und auch Lehrern, die eifrig Unterschriften gesammelt haben.

Doch nun gilt es nach vorn zu schauen. Das Schulgesetz ist verabschiedet. Wir werden genau verfolgen, wie die Landesregierung mit Ihrer Verantwortung umgeht und ob der von ihr stets verkündete Bestandsschutz für die Gymnasien auch der Realität standhält. Der mit der flächendeckenden Einführung von IGS drohenden Einheitsschule werden wir klar entgegentreten. Weniger Wahlfreiheit für die Eltern bedeutet auch weniger Bildungschancen für ihre Kinder.

Neben dem Schulgesetz hat uns im vergangenen Schuljahr die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für die Lehrer an den Gymnasien beschäftigt. Hatte diese – wie nun klar ist – rechtswidrige Maßnahme doch zur Folge, dass an vielen Gymnasien Klassen- und Kursfahren als Form des Protests der Kollegien ausfielen. Dies war ein großer Verlust für die betroffenen Schüler. Dem Philologenverband gebührt hier unser großer Dank, wurde doch vor Gericht die Bestätigung der Rechtswidrigkeit dieser Maßnahme erkämpft. In Folge der Rücknahme der Arbeitszeiterhöhung steht das Kultusministerium nun vor der großen Aufgabe die Unterrichtsversorgung zu sichern. Aus unserer Sicht wurde leider nach dem Urteil bis zur Planung von Maßnahmen wertvolle Zeit verschenkt. Wir erkennen aber auch an, dass mit den durchgeführten Einstellungen deutliche Verbesserungen der Situation erzielt werden konnten.

Leider liegen uns keine offiziellen Zahlen zu Situation vor Ort an den einzelnen Schulen im Lande vor – hier hält sich das Kultusministerium zurück. Um einen Überblick über die aktuelle Lage zu bekommen, haben wir eine Umfrage unter unseren Schulelternräten zur heutigen Tagung durchgeführt. Damit ist es uns nun möglich, ein realistisches Bild zu zeichnen und darauf aufbauend aktiv werden zu können.

Bei der Unterrichtsversorgung sind klar die Folgen der Rücknahme der Anhebung der Arbeitszeitverpflichtung zu erkennen. So meldeten 28% der Schulelternräte eine Unterrichtsversorgung von 97% oder weniger. Findet unter solchen Bedingungen der Unterricht in halbwegs geordneten Bahnen statt, dann gilt unser Dank den engagierten Lehrerinnen und Lehrern vor Ort. In gut 6% der Schulen liegt die Unterrichtsversorgung bei 90% oder weniger – was das für den täglichen Unterricht bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Den betroffenen Schulen bieten wir hier unsere tatkräftige Unterstützung an. Lediglich 25% der Schulen haben eine akzeptable bis gute Unterrichtsversorgung von mindestens 100%. Sehr geehrte Frau Huxhold hier sehen wir dringendsten Handlungsbedarf; unkonventionelle Lösungen sind gesucht. Wenn Unterricht in dieser Größenordnung dauerhaft an den Schulen ausfällt, dann werden und können wir Eltern nicht tatenlos zusehen! Aber selbstverständlich muss bei den anstehenden Einstellungen auch auf die Qualität geachtet werden. Die Qualität des Unterrichts wird doch wesentlich durch die Lehrerin oder den Lehrer bestimmt.

Kritisch ist auch die Situation bei den sogenannten Mangelfächern wie z.B. Physik, Mathematik aber auch Musik. So fällt hier in gut 40% der Schulen Unterricht aus. Dass Informatik aktuell kaum angeboten wird, braucht dabei kaum erwähnt zu werden. Hier sehen wir Handlungsbedarf sowohl bei den noch ausstehenden Einstellung entsprechend zu steuern als auch bei der Lehrerausbildung einzugreifen.

Das Thema der aktuellen Politik, die Flüchtlingskrise, ist an den Gymnasien im Land nach unseren Zahlen – kann man wahrscheinlich sagen noch – kein Thema. In unserer Umfrage sind an 62,5% der Schulen die Anzahl der Flüchtlingskinder gering und deren Integration damit problemlos möglich. Knapp 10% melden steigende Zahlen an Flüchtlingskindern, deren Integration aber auch gut gelingt. Allerdings wirkt bereits an 18,8% der Gymnasien die Integration problematisch. Zu loben ist hier der große Einsatz der Beteiligten, ein zentraler Punkt der Integration ist dabei die Sprachförderung. An einem Drittel der Schulen ist diese ausreichend, an einem weiteren Drittel allerdings fehlen dazu Lehrer und teilweise Räume. Absehbar ist, dass dieses gewichtige Thema die Schulen in der Zukunft bewegen wird.

Besonders wichtig war für uns natürlich zu ergründen, wie sich das verabschiedete Schulgesetz auf die Gymnasien auswirkt. Immerhin 37,5% der Schulen erwarten gravierende Veränderungen durch das Schulgesetz. Hier werden wir genau hinsehen und die Landesregierung an ihren Taten messen. Interessant für uns ist, dass über 20% der Schulelternräte die Auswirkungen der Schulgesetzänderung nicht beurteilen können.

Spannend ist in diesem Zusammenhang, wie es bezüglich der Gründung von integrierten Gesamtschulen aussieht. Immerhin an 6% der Gymnasien wird diskutiert, dass eine IGS alle anderen Schulformen ersetzen soll. An knapp 10% wir über die Neugründung eines IGS in den Räumen eines Gymnasiums diskutiert. Und gar an 12,5% wird über die Neugründung einer IGS gesprochen. Zudem wird von 25% gemeldet, dass die Wandlung von Oberschulen oder Haupt- und Realschulen zu IGS angestrebt wird. All dies interpretieren wir als deutliches Zeichen, dass die IGS als Einheitsschule das langfristige Ziel der Schulpolitik ist – doch wir sagen ganz klar, ohne uns! Für uns steht der freie Elternwille für die freie Schulwahl an zentraler Stelle.

Nach diesen aus Verbandssicht unerfreulichen Zahlen abschließend etwas sehr Positives: An fast allen, genauer an 97%, der Gymnasien finden in diesem Schuljahr Klassenfahrten statt. Hier hört man einen Seufzer der Erleichterung durch das Land gehen. Aber die Ausstattung der Schulen bezüglich der Fahrten ist weiter zu verbessern, es ist nicht einzusehen, warum Lehrer für Dienstreisen finanziell schlechter ausgestattet werden als andere Angestellte des Landes bzw. dessen Beamte. Eine Gleichstellung ist dringend angezeigt. Ausdrücklich danken wir an dieser Stelle unseren Lehrern für die Wiederaufnahme der Fahrten. Eine leichte  Erhöhung der Schulbudgets für Klassenfahrten und Lehrerfortbildung um ca. 3% gegenüber der ursprünglich vorgesehenen Kürzung begrüßen wir sehr. Wir hoffen darauf, dass dieser Wunsch des Ministeriums auch im Niedersächsischen Landtag durchsetzbar sein wird.

Die Umstellung von G8 auf G9 stellt an alle Beteiligten eine große Herausforderung, die wir gern konstruktiv und kritisch begleiten. So freut es uns festzustellen, dass immerhin schon knapp 10% der Gymnasien ein Konzept für die Förderung von besonders leistungsfähigen Schülern umgesetzt haben, um diesen einen vorzeitigen Schulabschluss zu ermöglichen.

Auch wenn die Umstände der Absage Ihrer Ministerin, Frau Huxhold,  nicht unserem Anspruch an einen fairen Dialog entsprechen, so hoffen wir auf einen fairen und offenen Dialog mit Ihnen in der Zukunft, zum Wohle der Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen.

Doch nun freuen wir uns auf die Ausführungen von Frau Staatssekretärin Huxhold zum Thema:

„Neue Chancen durch G9 – Einführung und inhaltliche Ausgestaltung“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit – wir freuen uns auf einen gemeinsamen Einsatz für ein leistungsfähiges Schulsystem in dem das Gymnasium einen wichtigen Platz einnimmt!

2018-05-23T11:05:28+00:009. November 2015|Jahrestagung|